Wer als Trainer den Blick auf die Hantelstange richtet statt auf den Athleten, erkennt Velocity Loss beim Krafttraining deutlich genauer – und das lässt sich trainieren. Eine neue Studie zeigt: Nach einer kurzen Intervention sackt der Fehler auf durchschnittlich 1,5 Wiederholungen. Das ist gut genug, um VBT-Prinzipien auch ohne Sensor sinnvoll umzusetzen.

Trainer erkennen Velocity Loss ohne Gerät – was eine neue Studie zur Bar Strategy zeigt
Auf einen Blick
Erfahrene Trainer erkennen Velocity Loss beim Krafttraining deutlich besser, wenn sie gezielt die Hantelstange beobachten statt den ganzen Athleten. Eine Studie aus Sports Medicine Open (März 2026) trainierte 20 Krafttrainer mit einer kurzen Intervention und erreichte einen mittleren Fehler von 1,5 Wiederholungen – bei allerdings hoher individueller Streuung. Für viele Situationen im Gym pragmatisch brauchbar, kein Ersatz fürs Gerät. Die Grenzen liegen bei leichten Lasten und engen Schwellen – genau das solltest du kennen.
Die Grundidee: Wo schaust du hin?
Velocity-Based Training (VBT) funktioniert so: Du beendest einen Satz, sobald die Hantelgeschwindigkeit um einen definierten Prozentsatz eingebrochen ist – zum Beispiel 20 % gegenüber der ersten Wiederholung. Das gibt dir einen Anhaltspunkt für die tatsächliche Erschöpfung, unabhängig davon, wie schwer sich das Gewicht anfühlt. Normalerweise braucht man dafür ein Gerät. Aber was, wenn du keins hast?
Eine Forschungsgruppe um Asaf Ben-Ari (Tel Aviv University) und Antonio Dello Iacono (University of the West of Scotland) hatte 2025 zunächst untersucht, ob Trainer das auch per Beobachtung können. Ergebnis: ja – mit einem Fehler von 2,6 Wiederholungen im Schnitt. Außerdem fiel auf: Wer dabei die Hantelstange fixierte statt den Athleten allgemein zu beobachten, lag deutlich besser. Die Forscher nannten das die „Bar Strategy“. Die neue Folgestudie geht einen Schritt weiter und fragt: Kann man das gezielt beibringen?
Was die Studie zeigt
20 Krafttrainer, ein Instruktionsvideo zur Bar Strategy, dann Übungsvideos von Bankdrücken und Kniebeugen bei 45 %, 65 % und 85 % des 1RM – so lief die Session ab. Aufgabe: erkennen, wann der 20%- bzw. 40%-Threshold erreicht ist. Die Trainer nutzten die Bar Strategy in knapp 79 % aller Versuche und kamen auf einen durchschnittlichen Fehler von 1,5 Wiederholungen. Bei schweren Lasten war die Genauigkeit am höchsten, den 40%-Threshold zu erkennen war leichter als den 20%-Threshold – was sich mit Befunden zum Studie zum Geschwindigkeitsprofil beim Deadlift deckt – schwere Lasten machen Geschwindigkeitsveränderungen schlicht sichtbarer. Mentale Ermüdung hatte keinen Einfluss auf die Ergebnisse.
20 % vs. 40 % Velocity Loss – was bedeutet das?
20 % Velocity Loss bedeutet: Die Hantelstange bewegt sich 20 % langsamer als bei Wiederholung 1 – ein verbreiteter Abbruchpunkt im Hypertrophietraining, bei dem du noch Reserven lässt. 40 % ist deutlich weiter in die Erschöpfung hinein und taucht je nach Protokoll auch im Maximalkraftbereich auf – die Grenze ist nicht starr. Je sichtbarer der Einbruch, desto leichter zu erkennen – weshalb der 40%-Threshold in der Studie auch genauer getroffen wurde.
Meine Einordnung
1,5 Wiederholungen Fehler ist für die Praxis gut genug. Zum Vergleich: Die Geräte, die Velocity Loss messen, haben selbst Messtoleranzen – und ein Wiederholungs-Abweicher macht bei den meisten Trainingszielen keinen relevanten Unterschied. Das hier ist kein Ersatz für einen dedizierten Krafttraining-Tracker wie Fort, aber es ist auch nicht nichts.
Was mich an dem Befund wirklich interessiert: Beobachtungskompetenz ist trainierbar, und zwar mit überschaubarem Aufwand. Die Intervention bestand aus einem Instruktionsvideo, einer Übungsphase mit Eye-Tracking-Feedback und einer kurzen Praxisrunde – das ist mehr als „einfach ein Video schauen“, aber kein wochenlanger Kurs. Das heißt: Wenn du als Trainer oder Trainerin ohnehin mit VBT-Geräten arbeitest, lohnt es sich trotzdem, bewusst die Bar Strategy zu üben – weil du damit ein besseres Gefühl für das entwickelst, was der Sensor dir zeigt. Und in Sessions ohne Gerät bist du nicht aufgeschmissen.
Ein realer Vorbehalt bleibt: Bei leichten Lasten und engem 20%-Threshold ist die Wahrnehmung auch nach dem Training die schwächere Stelle. Wer mit 45–60 % 1RM im höheren Wiederholungsbereich trainiert und auf ein genaues VBT-Signal angewiesen ist, sollte das im Kopf behalten. Für schwere Grundübungen im klassischen Kraft- oder Hypertrophiebereich – also genau das, was die meisten ambitionierten Trainierenden machen – funktioniert die Bar Strategy gut. Was noch fehlt: Daten aus dem echten Gym-Alltag. Die Autoren fordern das selbst, und bis dahin bleibt der Befund ein vielversprechender Laborbeweis.
Quelle
Ben-Ari A et al. Sharpening the Coach’s Eye: An Observational Study Investigating the Trainability of An Eye-Tracking Strategy for Perceiving Barbell Velocity Loss in Resistance Training. Sports Med Open. 2026 Mar 11;12(1):28. doi: 10.1186/s40798-026-01003-2
Vorgängerstudie: Dello Iacono A et al. The Coach’s Eye. Sports Med Open. 2025 Jul 9;11(1):83. doi: 10.1186/s40798-025-00890-1


