Wer Ermüdung mit nur einem Messwert erkennen will, liegt öfter daneben als man denkt. Eine Studie der Guizhou Normal University hat 48 Uni-Fußballer in China zwölf Wochen lang mit GPS-Trackern, Herzfrequenzmessern und einem täglichen Wellness-Fragebogen begleitet. Aus den kombinierten Daten entstand ein Machine-Learning-Modell, das Ermüdung mit einer AUC von 0,895 erkennt. Der beste Einzelwert, der Fragebogen, kam auf 0,786.
Das ist eine Studie über Uni-Fußballer. Die Grundlogik der drei wichtigsten Marker lässt sich aber gut auf dein Training übertragen, und alle drei kannst du mit einer Uhr oder ein paar Fragen am Morgen selbst erfassen.
Was die Studie gemessen hat
Die Studie (Xu, Frontiers in Physiology, Februar 2026) hat 536 Trainingseinheiten und 24 Spiele ausgewertet. Erfasst wurden äußere Belastungswerte wie Gesamtdistanz, Player Load und schnelle Laufmeter, dazu innere Werte wie TRIMP (ein nach Herzfrequenz gewichteter Belastungswert) und RPE (das subjektive Belastungsempfinden). Als ermüdet galt ein Spieler an einem Tag, wenn mindestens zwei von vier Kriterien zutrafen: Sprunghöhe (CMJ) deutlich unter seinem üblichen Wert, Morgen-HRV deutlich gefallen, Wellness-Fragebogen unter 15 von 25 Punkten oder RPE an zwei Tagen in Folge bei 8 oder mehr.
Verglichen wurden drei Verfahren: XGBoost, Random Forest und logistische Regression. Am besten schnitt XGBoost mit einer AUC von 0,895 ab. Diese Zahl stammt aus einer Kreuzvalidierung, in der Daten derselben Spieler in Training und Test landen können. Bei Spielern, die das Modell vorher nicht kannte, lag die AUC bei 0,847, und die ist für dich die realistischere Zahl. Das meiste Gewicht hatten laut Random-Forest-Ranking Wellness-Fragebogen (18,5 %), ACWR (16,2 %) und Morgen-HRV (13,8 %). Die Auswertung am XGBoost-Modell zeigt dieselbe Reihenfolge. Ich habe nachgeschaut, wie die Ermüdung definiert war, und da liegt ein Haken: Fragebogen und HRV sind gleichzeitig Eingabewerte und Teil der Ermüdungsdefinition. Dass sie oben landen, ist deshalb zum Teil eingebaut, die Studie spricht das nicht an. Player Load und TRIMP hingen eng zusammen (r = 0,81). Einzeln getestet wurden aber nur sRPE, ACWR und der Fragebogen, und alle drei lagen deutlich unter dem Kombimodell.
ACWR und AUC kurz erklärt
ACWR (Acute:Chronic Workload Ratio) setzt deine Belastung der aktuellen Woche ins Verhältnis zur Belastung der letzten vier Wochen. Die Studie hat das gewichtet gerechnet (EWMA), neuere Tage zählen dabei mehr. Nach älterer Forschung gilt 0,8 bis 1,3 als Bereich mit geringerem Verletzungsrisiko, ab etwa 1,5 steigt es deutlich. In der Studie war bei einer Quote über 1,3 fast jeder dritte Spielertag ein Ermüdungstag (32,6 %). Die Quote ist in der Forschung allerdings umstritten, das schreibt die Studie selbst. AUC (Area Under the Curve) misst, wie gut ein Modell zwei Gruppen trennt: 0,5 ist Zufall, 1,0 wäre perfekt. 0,895 ist ein starker Wert. Wie sich Belastung noch anders steuern lässt, zeigt ein Reinforcement-Learning-System, das Trainingsstrategien an einem digitalen Zwilling ausprobiert.
WAS IST XGBOOST?
XGBoost (Extreme Gradient Boosting) ist ein bewährtes Machine-Learning-Verfahren, das viele schwache Vorhersagemodelle Schritt für Schritt zu einem starken kombiniert. Das Verfahren stammt nicht vom Studienautor und gehört zu den meistgenutzten Werkzeugen in der Datenanalyse, seit 2014 frei verfügbar (open source). Dass so ein Ansatz auch Trainingspläne bauen kann, zeigt eine Studie mit Tests und Machine Learning statt Chatbot.
Welche dieser Marker du heute schon messen kannst
Die drei wichtigsten Marker im Modell sind kein Profi-Privileg. Morgen-HRV liefern viele neuere Garmin-Uhren, Polar über Nightly Recharge und Whoop über seine Recovery-Werte. Die Apple Watch misst HRV nur zwischendurch und mit einer anderen Methode, für einen sauberen Morgenwert ist ein Brustgurt mit App besser. Den Wellness-Fragebogen füllst du in 30 Sekunden selbst aus: Müdigkeit, Schlaf, Muskelkater, Stress und Stimmung, jeweils auf einer Skala von 1 bis 5. Eine ähnliche Quote aus kurz- und langfristiger Belastung zeigen Garmin und Polar (Training Load Pro) an.
KEIN WEARABLE? DER MORGENPULS HILFT
Ohne Uhr kannst du morgens im Liegen 60 Sekunden lang deinen Puls zählen und den Wert notieren. Liegt er über mehrere Tage etwa 5 bis 8 Schläge über deinem üblichen Wert, nehme ich das als Hinweis, an dem Tag ruhiger zu trainieren. Das ist meine Erfahrung aus der Trainerpraxis, kein Ergebnis dieser Studie. Zehn Sekunden zählen und mal sechs nehmen reicht dafür nicht, weil du dann nur in Sechserschritten misst.
Marker | Was er misst | Device / Quelle |
|---|
Morgen-HRV | Erholung des autonomen Nervensystems | Garmin, Polar (Nightly Recharge), Whoop, Elite HRV + Brustgurt; Apple Watch nur eingeschränkt |
ACWR | Akute vs. chronische Trainingsbelastung | Garmin (Trainingsbelastung), Polar Training Load Pro |
Wellness-Score | Subjektives Befinden: Müdigkeit, Schlaf, Muskelkater, Stress, Stimmung | Manuell; HRV4Training, TrainingPeaks, Notion |
RPE | Empfundene Belastung nach dem Training | Manuell (Borg-Skala); Garmin und Polar können nach dem Training danach fragen |
CMJ-Höhe | Sprungkraft, Frische der Beine (Ermüdungskriterium der Studie) | Polar Vantage V3 (integriert), MyJump Lab 2.0 (Smartphone-App) |
CMJ als Ermüdungsmarker: für wen er passt
Die Studie nutzt den Sprungtest als eines von vier Ermüdungskriterien, gemessen wurde er laut Methodenteil allerdings nur montags. Bei Fußballern, die ständig sprinten und springen, ist das eine sinnvolle Wahl. Was die Studie nicht anspricht und was ich hier als meine eigene Einordnung kennzeichne: Nicht für jeden Sportler ist der Sprungtest gleich aussagekräftig.
Für Kraftsportler, die heute schwere Grundübungen planen, ergibt CMJ als täglicher Check Sinn. Er zeigt, wie frisch deine Beine sind, und das brauchst du beim Maximalkrafttraining. Ein klarer Abfall unter deinen üblichen Wert kann ein früher Hinweis auf Ermüdung sein, so meine Erfahrung. Bei Ausdauersportlern ist das weniger eindeutig. Ermüdung beim Laufen hat mehr mit dem Stoffwechsel zu tun, und nach lockeren Einheiten bleibt die Sprunghöhe oft gleich oder steigt sogar kurz an. Dort halte ich Morgen-HRV und Fragebogen für die verlässlicheren Signale.
Messen kannst du CMJ mit der MyJump Lab 2.0 App per Smartphone-Kamera oder direkt mit der Polar Vantage V3, die einen Sprungtest eingebaut hat. Den Vorgänger V2 hat die Universität Konstanz gegen Kraftmessplatten getestet (Gruber et al., 2022). Ein Mitautor arbeitet bei Polar, die Uhren hat Polar gestellt. Im Mittel lag die Uhr nur 0,3 cm daneben, bei einer einzelnen Messung (Mittel aus drei Sprüngen) aber rund 1,5 cm und im Einzelfall bis etwa 4 cm, getestet an 15 Personen. Für Trends über mehrere Tage reicht das, einen einzelnen schlechten Sprung würde ich nicht überbewerten. Ob Polar V3 und MyJump im direkten Vergleich gleich messen, habe ich noch nicht getestet. Das wäre einen eigenen Artikel wert.
EINSCHRÄNKUNG ZUR ÜBERTRAGBARKEIT
48 männliche Uni-Fußballer aus China, eine Sportart, zwölf Wochen in der laufenden Saison. Ob Fragebogen, ACWR und HRV auch in anderen Sportarten die wichtigsten Ermüdungsmarker sind, lässt die Studie offen. Meine Vermutung: Für Ausdauer- oder Kraftsportler könnten andere Werte mehr Gewicht haben.
Was offen bleibt
Drei Punkte sind für mich offen. Erstens der eingebaute Vorsprung von Fragebogen und HRV, weil beide auch die Ermüdung definieren. Zweitens stammt die Arbeit von einem einzelnen Autor und widerspricht sich an einer Stelle: In der Diskussion steht ACWR auf Platz drei, in den Ergebnissen auf Platz zwei. Drittens fehlt ein harter Vergleichswert für Ermüdung, etwa aus dem Blut, das nennt die Studie selbst als Schwäche. Was ich trotzdem mitnehme: Ein kurzer Fragebogen am Morgen kostet nichts und hatte im Modell mehr Gewicht als jede GPS-Metrik.
Quellen
Xu X (2026). Multi-sensor fusion outperforms single indicators for fatigue prediction in university soccer players: a machine learning approach. Frontiers in Physiology, 17:1775906. DOI: 10.3389/fphys.2026.1775906. PMC: PMC12956510.