uflösendes Hologramm eines KI-Gesundheitscoaches neben einem Smartphone mit Health-App – symbolisiert Apples zurückgefahrenes Projekt Mulberry

Apple fährt KI-Gesundheitscoach zurück – und das ist lehrreich

Christopher KlenkChristopher Klenk6 Min. Lesezeit

Apple hat sein internes Projekt „Mulberry“ für einen KI-basierten Gesundheitscoach in den letzten Wochen zurückgefahren. Der Service – von einigen Apple-Mitarbeitern intern „Health+“ genannt – wird nicht als eigenständiges Produkt erscheinen. Stattdessen sollen einzelne Features schrittweise in die bestehende Health-App einfließen. Das berichtet Bloomberg-Journalist Mark Gurman.

Die Meldung klingt nach einer Fußnote in Apples Produktstrategie. Tatsächlich steckt dahinter eine Geschichte, die jeden interessieren sollte, der KI im Fitness- und Gesundheitsbereich nutzen will – oder darauf wartet, dass ein Tech-Konzern das für ihn übernimmt.

Auf einen Blick

Apple hat seinen geplanten KI-Gesundheitscoach (Codename: Mulberry) zurückgefahren. Laut Bloomberg-Quellen hielt der neue Services-Chef Eddy Cue das Projekt für nicht konkurrenzfähig gegenüber Oura und Whoop. Einzelne Features – darunter Gesundheitsvideos, ein KI-Chatbot und kamerabasierte Ganganalyse – sollen schrittweise in die Health-App einfließen. Für alle, die auf den großen KI-Coach von Apple gewartet haben: Selber machen bleibt die bessere Strategie.

1. Was war Project Mulberry?

Project Mulberry war eines der größeren Gesundheitsprojekte in Apples Pipeline. Der Plan: Ein KI-gestützter Coach, für den Apple Ärzte, Schlafexperten, Ernährungsberater, Physiotherapeuten, Kardiologen und Mental-Health-Spezialisten engagiert hatte – unter anderem für edukative Videoinhalte. Dazu hatte Apple ein eigenes Studio in Oakland, Kalifornien, aufgebaut, um diese Inhalte zu produzieren – inklusive der Suche nach einer bekannten Arztpersönlichkeit als „Host“ für den Service.

Konkret sollte der Coach Nutzerdaten von iPhone und Apple Watch mit Fragebögen kombinieren, um personalisierte Lifestyle-Empfehlungen zu geben. Die iPhone-Kamera sollte Ganganalysen durchführen und Workout-Formen korrigieren können. Klingt nach viel Substanz – und war es vermutlich auch. Aber „viel Substanz“ reichte nicht.

2. Warum Apple den Stecker gezogen hat

Laut Gurmans Quellen lässt sich die Kernbegründung in einem Satz zusammenfassen: Eddy Cue hielt das Produkt für nicht wettbewerbsfähig genug. Apple selbst hat sich nicht öffentlich geäußert. Aber hinter Cues Einschätzung stehen mehrere konkrete Faktoren, die zusammengewirkt haben.

2.1 Führungschaos zur falschen Zeit

Apples Gesundheitssparte hat innerhalb weniger Monate zwei Schlüsselfiguren verloren. COO Jeff Williams – langjähriger Schirmherr der Health-Abteilung – ging Ende 2025 in den Ruhestand. Kurz darauf kündigte John Giannandrea seinen Rückzug an, Apples Senior Vice President für Machine Learning und KI-Strategie. Seine Organisation wurde in Craig Federighis Software-Engineering-Gruppe überführt. Die Gesundheits- und Fitness-Teams landeten bei Services-Chef Eddy Cue – einem Veteranen im Abo-Geschäft, der laut Gurmans Quellen die bestehenden Pläne nach Übernahme des Bereichs kritisch bewertete.

2.2 Die Konkurrenz war schneller

Nach Darstellung der Bloomberg-Quellen wirkte der Vergleich mit der Konkurrenz ernüchternd: Oura und Whoop liefern bereits heute vieles von dem, was Apple erst plante. Oura hat mit dem „Oura Advisor“ seit März 2025 einen KI-gestützten Gesundheitscoach im Einsatz, der LLMs mit biometrischen Daten kombiniert. 60 % der Beta-Nutzer nutzten das Feature mehrmals pro Woche. Whoop bietet mit dem „Whoop Coach“ (basierend auf ChatGPT) eine ähnliche Funktion. Beide Produkte existieren, funktionieren und haben eine aktive Nutzerbasis aufgebaut – während Apple noch Videos drehte.

Kontext: Was Oura und Whoop anders machen

Oura Advisor und Whoop Coach sind keine klassischen regelbasierten Systeme. Sie nutzen tatsächlich LLMs, die auf die biometrischen Daten der Nutzer zugreifen – Schlafphasen, HRV-Trends, Stresswerte, Aktivitätslevel. Der Unterschied zu einem generischen ChatGPT-Prompt: Die Modelle haben Kontext über deine physiologischen Daten. Das ist ein relevanter Vorteil gegenüber einem Chatbot, dem du deine Daten manuell beschreiben musst.

2.3 Das Haftungsproblem

Ein Aspekt, den die Bloomberg-Berichterstattung nicht vertieft, der aber für die Einordnung relevant ist: Ein KI-Gesundheitscoach, der als eigenständiges Produkt vermarktet wird, bewegt sich regulatorisch auf dünnem Eis. In der EU stuft der AI Act viele KI-Systeme im Gesundheits- und Diagnosebereich als Hochrisiko-Systeme ein – je nach konkreter Funktion und Anwendungsbereich. In den USA ist die FDA-Klassifizierung diffuser – Anfang Januar 2026 hat die Behörde zwar die Regulierung von Low-Risk-Wellness-Software gelockert, aber ein aktiv beratender KI-Coach dürfte deutlich über Wellness-Tracking hinausgehen.

Wer ist haftbar, wenn der KI-Coach einen kritischen Gesundheitszustand übersieht? Oder wenn eine Empfehlung Schaden verursacht? Diese Fragen sind juristisch ungeklärt. Für Apple – ein Unternehmen, das seine Marke auf Vertrauen und Qualität aufbaut – ist ein fehlerhafter Gesundheitsratgeber ein enormes Reputationsrisiko. Ein stilles Zurückfahren des Projekts ist da die rationale Entscheidung.

2.4 Apples KI-Problem ist größer als Health+

Apple Intelligence hat bisher nicht die Erwartungen vieler Beobachter erfüllt. Siri bleibt nach Einschätzung zahlreicher Tech-Medien hinter den Fähigkeiten von ChatGPT, Claude und Gemini zurück. Mehrere angekündigte KI-Features wurden verschoben, ein überarbeiteter Siri-Chatbot steht weiterhin aus. Wenn die Basis-KI-Infrastruktur nicht überzeugt, wird ein darauf aufbauender Gesundheitscoach zur Herausforderung. Aus dieser Perspektive war Mulberry nicht nur ein Health-Projekt – sondern spiegelt auch breitere Schwierigkeiten mit Apples KI-Strategie wider.

3. Was bleibt übrig?

Apple wirft nicht alles weg. Laut Bloomberg werden einzelne Mulberry-Features schrittweise in die Health-App integriert. Konkret geplant sind die in Oakland produzierten Gesundheitsvideos, die medizinische Zusammenhänge erklären sollen, datenbasierte Empfehlungen auf Basis von Apple-Watch- und iPhone-Daten, ein eigenständiger KI-Chatbot für Gesundheitsfragen – basierend auf einem internen System namens „World Knowledge Answers“ – sowie eine kamerabasierte Ganganalyse über das iPhone.

Laut Bloomberg arbeitet Apple außerdem daran, den überarbeiteten Siri-Chatbot künftig für komplexere Gesundheitsanfragen innerhalb der Health-App einzusetzen. Wann das konkret kommt, ist unklar – Apples Track Record bei KI-Ankündigungen war zuletzt nicht überzeugend.

4. Was das für deine eigene KI-Nutzung bedeutet

Die Mulberry-Story bestätigt eine These, die für TheFitFuturist zentral ist: Wer darauf wartet, dass ein Tech-Konzern den perfekten KI-Gesundheitscoach baut, wartet möglicherweise sehr lange. Selbst Apple – mit enormen Ressourcen, eigener Hardware, eigenem Ökosystem und Zugang zu Millionen Nutzerdaten – konnte bisher kein Gesamtpaket schnüren, das die eigene Führung überzeugt hat.

Der beste KI-Gesundheitscoach ist kein Produkt, das du kaufst. Es ist eine Fähigkeit, die du aufbaust.

Das klingt unbequem, aber die Logik ist einfach: Ein vorgefertigter KI-Coach muss für Millionen Nutzer funktionieren – vom Couch-Potato bis zum Ultramarathon-Läufer. Er muss regulatorische Grenzen einhalten, Haftungsrisiken minimieren und trotzdem konkrete Ratschläge geben. Diese Anforderungen widersprechen sich fundamental. Das Ergebnis sind entweder generische Empfehlungen, die niemanden weiterbringen, oder ein Produkt, das nie erscheint.

Wenn du dagegen ChatGPT oder Claude direkt nutzt, hast du die Kontrolle über den Kontext. Du entscheidest, welche Daten du teilst, welche Fragen du stellst und wie spezifisch du wirst. Das setzt allerdings voraus, dass du die richtigen Fragen stellen kannst – und genau hier greift das Prompt-Paradoxon. Ohne sportwissenschaftliches Grundwissen fragst du die falschen Dinge und bekommst trotzdem eine selbstbewusste Antwort.

Die unbequeme Wahrheit

Laut Gurmans Quellen bewertete Eddy Cue den geplanten KI-Coach als nicht konkurrenzfähig gegenüber Oura und Whoop. Gleichzeitig nutzen Oura und Whoop die gleichen LLMs (GPT, etc.), die du selbst verwenden kannst – nur mit besserem automatischen Datenzugriff auf deine Biometrie. Die echte Lücke ist nicht die KI, sondern die Verbindung zwischen deinen Daten und deinem Wissen. Das kann kein Produkt für dich schließen.

5. Einordnung: Was kommt als Nächstes?

Die Wearable-Branche hat 2025 eine klare Richtung eingeschlagen: Weg vom reinen Datensammeln, hin zur KI-gestützten Interpretation. Oura, Whoop, Garmin (mit Connect+) und Ultrahuman investieren massiv in Software-Features, die Daten kontextualisieren. Apple wird diesen Trend nicht ignorieren – aber der Ansatz wird inkrementell statt monolithisch sein.

Für die Health-App bedeutet das: Mehr einzelne KI-Features über die nächsten iOS-Versionen verteilt. Ein eigenständiger, kohärenter KI-Gesundheitscoach von Apple erscheint nach dem Mulberry-Aus aus heutiger Sicht unwahrscheinlich.

Für alle, die jetzt schon KI für ihre Gesundheit und ihr Training nutzen wollen, bleibt der Weg der gleiche: Eigene Daten verstehen, gute Prompts schreiben, Ergebnisse kritisch einordnen. Kein Produkt wird dir das abnehmen – auch nicht von Apple.


Quellen: Bloomberg (Mark Gurman, 5. Februar 2026), 9to5Mac, Engadget, PYMNTS. Apples internes Projekt „Mulberry“ wurde nie offiziell angekündigt. Alle Informationen basieren auf Berichten von Personen, die mit der Angelegenheit vertraut sind.