Die Garmin Lauftrends 2026 lesen sich wie eine Studie über alle Läufer, und eine Zahl bleibt hängen: ein VO2max-Schnitt von 50, dazu eine Durchschnittspace von 5:49 min/km bei Männern.[1] Wer selbst eine Garmin trägt und gerade 44 auf dem Display hat oder mit 6:30 unterwegs ist, liest das und denkt: abgehängt. Genau dieses Gefühl nehme ich hier auseinander. Denn diese „guten Durchschnittswerte" setzen vor allem die unter Druck, die darunter liegen — und dieser Druck ist in den allermeisten Fällen unbegründet.

KI-generiertes Bild
Garmin Lauftrends Studie 2026: Was mir aufgefallen ist
Auf einen Blick
Garmins Lauftrends sind echte Daten, aber nicht unbedingt ein Maßstab für dich. Der VO2max-Schnitt von 50 liegt auf Garmins eigener Norm-Tabelle im Bereich „Ausgezeichnet" bis „Überragend" — ein Durchschnitt kann da nur stehen, wenn die Gruppe stark ausgewählt ist und Garmin den Spitzenwert statt den Jahresschnitt zählt. Wer mit 44 oder Pace 6:30 darunter liegt, ist trotzdem gut unterwegs. Und Garmin zeigt ohnehin nur Schnitte, keine Verteilung — nicht die eine Zahl, die dir sagen würde, wo du wirklich stehst. Vergleich dich mit dir selbst über die Zeit, nicht mit einer selektierten Gruppe.
Echte Daten — aber wovon der Durchschnitt?
Garmins Zahlen sind echt, offen ist nur, welche Gruppe sie beschreiben. Garmin sitzt auf Millionen geloggter Läufe — eine Datenmenge, die kein einzelnes Forschungsteam je selbst erhebt. Für Trends, also was sich von Jahr zu Jahr verschiebt, ist das wirklich wertvoll.
Das Problem beginnt, sobald „Durchschnitt aller Garmin-Läufer und -Läuferinnen" wie ein Maßstab für die Allgemeinheit klingt. Garmin ist Massenmarkt, keine Nischenmarke für ambitionierte Läufer wie Coros — vom günstigen Einsteiger-Tracker bis zur teuren Multisportuhr, Anfänger inklusive. Eben deshalb müsste so ein Schnitt eigentlich eher Richtung Allgemeinheit ziehen, nicht bei einem Spitzenwert landen. Und genau hier hakt es: Viele laufen nur wenig, unregelmäßig oder fast nur locker im Grundlagenbereich (GA1/GA2) — also so, dass die VO2max kaum nach oben geht. Eine VO2max von 50 ist auf Garmins eigener Skala aber „ausgezeichnet". Dass ausgerechnet diese breite, eher durchschnittliche Gruppe im Schnitt „ausgezeichnet" sein soll, passt nicht zusammen. Logisch bleibt nur: In dieser Zahl sind die weniger Trainierten unterrepräsentiert, die gut Trainierten überrepräsentiert — oder beides. Dass die Stichprobe schief liegt, ist damit schlicht Logik; nur das Warum ist meine Hypothese.
Und das Warum ist eben genau das — mein Verdacht, nicht mehr: Die Auswahl entsteht vermutlich nicht beim Kauf, sondern in den Daten. Die weniger Sportlichen besitzen zwar eine Garmin, könnten im VO2max-Schnitt aber kaum auftauchen — weil sie nie einen Wert errechnet bekommen (ein lockerer Lauf bleibt oft unter den ~70 % HFmax, die Garmin dafür verlangt), mehr gehen als laufen oder die Uhr nur im Alltag tragen. Ein Fakt kommt noch dazu: Es ist ausdrücklich eine Läufer-Auswertung, keine Aussage über alle Uhrenträger. Wie stark der Effekt wirklich zieht, lässt sich von außen nicht messen — aber welche Kennzahl welche Hürde hat, schaue ich mir gleich an. Dass ein Wearable ein gutes Werkzeug, aber kein Maßstab ist, zeigt auch die Übersicht über 188 Studien zu Wearables im Training.
Eines vorweg, damit klar ist, woher das Folgende kommt: Garmin legt nicht offen, welche Nutzer in welche Zahl einfließen. Ich bin kein Statistiker, sondern Praktiker mit sportwissenschaftlichem Hintergrund — und ich freue mich erst einmal, dass es überhaupt echte Daten in dieser Größenordnung gibt. Nur schaue ich sie eben kritisch an und stelle die Fragen, die Garmin offenlässt. Was jetzt kommt, ist deshalb keine offizielle Garmin-Auskunft, sondern meine Lesart — zusammengesetzt aus Garmins öffentlichen Systemvoraussetzungen, der VO2max-Norm-Tabelle, die in jeder Uhr steckt, und der Studienlage zu Wearables.
VO2max 50: warum das schon ein guter Wert ist
Auf Garmins eigener Norm-Skala wäre ein VO2max von 50 für viele kein Schnitt, sondern schon ein richtig guter Wert. Garmins Tabelle, gespeist aus Daten des Cooper Institute, stuft einen Mann zwischen 30 und 39 ab 44,0 als „Gut" ein, ab 48,3 als „Ausgezeichnet", ab 54,0 als „Überragend". Bei Frauen derselben Altersgruppe beginnt „Überragend" schon bei 47,4.[2] Ein gemeldeter Schnitt von 50 landet damit bei Männern im „Ausgezeichnet"-Band und bei Frauen sogar im „Überragend"-Bereich, dem höchsten Segment der Norm-Skala.
Ein Durchschnitt, der auf der hauseigenen Skala fast oben steht — das passt nur zusammen, wenn zwei Dinge zutreffen. Erstens nennt Garmin die Kennzahl selbst „durchschnittliche beste VO2max".[1] Nicht dein Jahresschnitt, sondern dein Spitzenwert. Wer einmal 52 erreichte und seitdem bei 46 läuft, geht mit 52 in die Statistik ein.
Zweitens schätzt Garmin VO2max nicht direkt, sondern aus dem Verhältnis von Pace und Herzfrequenz. Eine Übersicht über mehrere Validierungsstudien zeigt: bei Freizeitsportlern funktioniert das ordentlich, am zuverlässigsten im mittleren Bereich.[4] Bei wirklich gut Trainierten unterschätzt die Forerunner 245 den Laborwert sogar systematisch, um rund 6 bis 7 ml/kg/min.[3] Offen bleibt die Frage, die Garmin nicht beantwortet: Wie ausgewählt ist die Gruppe, die überhaupt einen VO2max-Wert bekommt?
Mit 44 bist du auf genau dieser Garmin-Skala „Gut" — das ist solide, nicht „unter Schnitt". Und die Zahl auf dem Display bleibt ohnehin eine Hochrechnung, kein Laborwert: Deine Uhr misst den VO2max nicht, sie schätzt ihn aus Pace und Puls. Wie treffsicher das wirklich ist, habe ich in VO2max per KI und Wearable berechnen auseinandergenommen — kurzes Fazit: als Trend über Wochen brauchbar, als exakter Punktwert auf die Kommastelle nicht.
Gegenprobe Radfahren: noch höher, gleicher Grund
Garmin hat parallel Radsport-Daten veröffentlicht, und der VO2max-Schnitt liegt dort bei 51 — noch über den 50 der Läufer.[8] Wer das liest, denkt schnell: Radfahrer sind eben fitter. Wahrscheinlicher ist es dieselbe Vorauswahl, nur eine Stufe schärfer. Eine Rad-Garmin mit Powermeter und FTP-Messung tragen tendenziell noch ambitioniertere Leute als eine einfache Laufuhr.
Und hier wird es interessant: Bei den Rad-Zahlen macht Garmin die Aufspaltung selbst sichtbar, die ich bei den Lauf-Zahlen nur vermuten konnte. Wer mehr als 257 Kilometer pro Woche fährt, kommt im Schnitt auf einen VO2max von 62; alle anderen liegen bei 51.[8] Dieselbe Logik bei der FTP, also der Schwellenleistung: Die Vielfahrer kommen auf 243 Watt, der Rest auf 220.[8] Ein einziger Durchschnitt verdeckt also zwei sehr verschiedene Gruppen — und bei den Lauf-Zahlen ist das mit hoher Wahrscheinlichkeit genauso, Garmin zeigt es dort nur nicht.
Pace 5:49 — schnell im Vergleich zu wem?
Die Durchschnittspace beschreibt Menschen, die ihre Läufe mit Sportuhr hochladen, nicht Läufer und Läuferinnen allgemein. 5:49 min/km bei Männern, 6:32 bei Frauen[1] — das klingt nach einem Tempo, das man erreichen „sollte". Aber niemand, der 5:49 liest, denkt an die Vorauswahl dahinter.
Die schnellsten Länder in den Daten — Irland mit 5:39, dahinter Portugal mit 5:43 und Italien mit 5:44[1] — sind ein gutes Beispiel dafür, wie wenig solche Ranglisten sagen. Denn Garmin nennt nicht, wie viele Nutzer pro Land überhaupt einfließen — und ohne diese Zahl ist so ein Länder-Ranking schlicht statistisches Rauschen. Ein Land mit ein paar tausend ambitionierten Trackern rückt nach vorn, ein Land mit Millionen Gelegenheitsläufern nach hinten, ohne dass das eine über das andere irgendetwas aussagt. Warum Irland vorn liegt, lässt sich also nur vermuten: vielleicht eine kleinere, ambitioniertere Garmin-Nutzerbasis, vielleicht die starke Lauf- und Parkrun-Kultur, vielleicht das kühle Klima, das fast ganzjährig gute Laufbedingungen liefert — Hitze ist der größte Pace-Killer. Ein Teil davon ist sicher real: Irlands Lauf- und Parkrun-Kultur bringt tatsächlich eine aktive Community hervor, das rechne ich nicht weg. Was am Ende auf echtes Tempo und was auf die Auswahl der Tracker zurückgeht, lässt sich aus den Daten aber nicht trennen — und genau das ist der Punkt.
Eine Pace-Rangliste ohne Stichprobengröße sagt mehr darüber, wer in welchem Land trackt, als darüber, wie schnell ein Land läuft. Garmins eigene Zahlen passen dazu: Fast 40 Prozent der Läufer und Läuferinnen laufen nur 9 bis 16 Kilometer pro Woche[1] — deutlich moderater, als der Pace-Schnitt vermuten lässt. Deine 6:30 macht dich nicht zum langsamen Läufer.
Was viel sinnvoller wäre: die Verteilung, nicht der Schnitt
Und hier liegt für mich der eigentliche Haken — und der gilt für jede dieser Zahlen, nicht nur die Pace. Ein Mittelwert presst Tausende verschiedener Läufer in eine einzige Zahl und wirft genau das weg, was du wissen willst: wie breit das Feld ist. Garmin zeigt die Pace immerhin nach Altersgruppe — 5:45 bei den 20- bis 29-Jährigen, über 6:45 bei den 70+ — aber innerhalb jeder Gruppe nur den Schnitt, keine Streuung.
Eine Verteilung wäre ehrlicher: Wie viele in deiner Altersgruppe laufen 5:00, wie viele 6:30, wie viele 7:30? Daran sähest du sofort, dass eine 6:30 mitten im Feld liegt — kein Ausreißer. Der nackte Schnitt von 5:49 dagegen ist die eine Zahl, die dich unter Druck setzen kann, ohne dir zu verraten, wo du wirklich stehst. Ein Durchschnitt ohne Streuung verschweigt mehr, als er zeigt.
Dasselbe Problem steckt schon in der Zahl selbst: Ein Schnitt über alle Läufe wirft Intervalle, Tempoläufe und lockere GA1-Einheiten in einen Topf. Eine sinnvolle Pace gibt es aber nur innerhalb eines Bereichs — deine lockere Grundlagen-Pace, deine Schwellen-Pace, deine Wettkampf-Pace. Wer viel im ruhigen GA1 läuft (also genau das, was die meisten Pläne empfehlen, Stichwort 80/20), zieht seinen Schnitt nach unten. Eine „langsame" Durchschnitts-Pace kann also heißen, dass du klug trainierst — nicht schlecht.
„Alle Garmin-Läufer und -Läuferinnen" — gilt das bei jeder Zahl gleich?
Vermutlich misst Garmin bei jeder Kennzahl eine andere, zunehmend sportlichere Teilgruppe. Hier wird es spekulativ, also sage ich es offen als Vermutung. „Alle Garmin-Läufer und -Läuferinnen" klingt nach einer festen Gruppe — wahrscheinlich ist es das nicht.
Für Distanz und Pace reicht ein einziger geloggter Lauf. Für einen VO2max-Wert dagegen habe ich nachgeschaut, was die Uhr überhaupt verlangt — und die Hürde ist hoch: mindestens rund 10 Minuten am Stück draußen mit GPS, und der Puls muss dabei etwa 70 Prozent der maximalen Herzfrequenz übersteigen.[9] Wer locker zum Regenerieren trabt, auf dem Laufband läuft oder die Uhr nur als Schrittzähler im Alltag trägt, fällt aus dieser Statistik komplett raus. Gemessen wird also nicht der Schnitt aller Garmin-Träger, sondern der Schnitt der ohnehin schon zügig laufenden Outdoor-Fraktion. Der Sleep Score wiederum entsteht nur, wenn man die Uhr nachts trägt, und selbst dann ist er wackelig: gegen das Schlaflabor überschätzt Garmin die Schlafdauer im Schnitt um rund 47 Minuten, je nach Studie zwischen 28 und 66.[5] Dasselbe Muster habe ich an einer Garmin-Auswertung mit 224 Läufern zu Schlaf und Training eingeordnet.
Wenn das stimmt, käme die VO2max-50 aus der sportlichsten Teilmenge eines ohnehin schon ausgewählten Universums und würde trotzdem als Schnitt „aller" präsentiert. Garmin selbst schreibt, die VO2max „variiert nach Geschlecht und Alter erheblich"[1] — und stellt im Fazit dennoch die nackte 50 als Schnitt für alle hin. Den Rest beweisen lässt sich nicht, weil Garmin die Methodik nicht vollständig offenlegt. Aber es ist die Erklärung, die am besten zu allen Zahlen gleichzeitig passt.
Der eine Datenpunkt, der ohne Spekulation auskommt
Eine interne Verhältniszahl braucht keine Annahmen über das Sample, und die hält. Die Zahl der Nutzer, die in derselben Woche Lauf- und Krafttraining aufzeichneten, ist von 2024 auf 2025 um fast 23 Prozent gestiegen.[1] Das ist ein Vergleich innerhalb derselben Datenbank, von einem Jahr zum nächsten — da spielt die Auswahl der Gruppe kaum eine Rolle, weil sie auf beiden Seiten dieselbe ist.
Der Trend ist belastbar, und er ergibt Sinn: Krafttraining gehört für Läufer dazu. Eine viel zitierte Metaanalyse fand, dass gezieltes Krafttraining Überlastungsverletzungen fast halbiert, während reines Dehnen nichts brachte.[6] Fairerweise fiel eine neuere Übersicht speziell zu Ausdauerläufern gemischter aus. Die Richtung „Kraft schützt und macht ökonomischer" ist gut belegt, die genaue Effektgröße bei reinen Läufern weniger.
Was du mit deinen Garmin-Zahlen machst
Wenn deine Garmin-Zahl unter dem Schnitt aus dem Blog liegt, sagt das fast nichts über dich. Du vergleichst dich mit einer ausgewählten, gerätesaffinen Gruppe, deren Spitzenwerte gemittelt wurden — kein Maßstab, an dem du dich messen müsstest.
So ordnest du deinen Wert richtig ein: Nimm die VO2max-Normtabelle nach Alter und Geschlecht — dieselbe, die in deiner Garmin steckt — statt des Blog-Durchschnitts. Und falls du deine echte maximale Herzfrequenz kennst — etwa aus einem harten Wettkampf oder einem Maximaltest —, trag sie ein statt der Faustformel 220 minus Alter: die streut um 10 bis 12 Schläge,[7] und ein falscher Wert zieht die VO2max-Schätzung direkt mit nach unten oder oben. Kennst du deine maximale Herzfrequenz nicht — als Einsteiger ist das völlig normal —, ist das kein Beinbruch: Dann ist die VO2max auf der Uhr eben eine Schätzung mehr und kein Grund zur Sorge.
Vermutlich war das nie Garmins Absicht — die Lauftrends sind als Feier der Community gemeint, nicht als Messlatte. Aber unterschwellig kann beim Lesen genau das ankommen: „Ich passe ja nicht mal in den Durchschnitt." Und das musst du dir nicht antun.
Mein Vorschlag, der dir die volle Kraft der Garmin-Daten lässt, ohne dass das Vergleichen dir die Freude an Sport, Bewegung und deinen eigenen Fortschritten kaputtmacht: Die nützlichste Vergleichszahl auf deiner Uhr bist du selbst vor drei Monaten. Geht dein VO2max über die Saison hoch, läuft es richtig. Stagniert er, schaust du dir Training und Erholung an — nicht den Abstand zu einem fremden Durchschnitt. Das ist die ganze To-do-Liste. Das schlechte Gefühl beim Blog-Lesen kannst du streichen.
Quellen
[1] Garmin: Lauftrends — neue Daten zeigen, wie Garmin Laufende ihren Rhythmus finden. garmin.com
[2] Garmin: VO2max-Normwerte (Datenquelle: The Cooper Institute). Garmin Support
[3] Validity of V̇O2max estimates from the Forerunner 245 in highly vs. moderately trained endurance athletes. PMC12881131.
[4] Accuracy of wearables for determining maximal oxygen uptake and lactate threshold: a qualitative systematic review. Front. Sports Act. Living (2025). PMC12748164.
[5] Accuracy of Fitbit Charge 4, Garmin Vivosmart 4 and WHOOP versus polysomnography: a systematic review. JMIR mHealth uHealth (2024).
[6] Lauersen et al.: Strength training as superior, dose-dependent and safe prevention of sports injuries. Br J Sports Med (2014). PMID 24100287.
[7] Tanaka et al.: Age-predicted maximal heart rate revisited. J Am Coll Cardiol (2001). PMID 11153730.
[8] Garmin: Was die Garmin Community bewegt — die neuesten globalen Fahrradtrends. garmin.com
[9] Garmin: VO2max-Schätzung beim Laufen — Voraussetzungen (mindestens 10 Minuten Outdoor-Lauf mit GPS bei etwa 70 % der maximalen Herzfrequenz oder höher; Berechnung via Firstbeat Analytics). Garmin Support


